Inklusiver Ganztag darf kein Antrags-Verfahren sein
Lübeck, 04.03.2026
Die Initiative Inklusion Schleswig-Holstein fordert eine grundlegende strukturelle Neuausrichtung des schulischen Ganztags. In einem Offenen Brief an Bildungsministerin Dorit Stenke und Sozialministerin Aminata Touré macht der landesweite Zusammenschluss von Eltern deutlich: Solange Kinder mit Behinderungen individuelle Anträge auf Assistenz oder Schulbegleitung stellen müssen, ist der Zugang zum Ganztag nicht inklusiv.
„Kein Kind darf erst um Teilhabe bitten müssen. Wenn andere Kinder einfach angemeldet werden, unsere Kinder aber ein gesondertes Bewilligungsverfahren durchlaufen müssen, dann ist das keine Gleichbehandlung“, erklärt Mascha Benecke-Benbouabdellah, Co-Sprecherin der Initiative.
Bürokratische Hürden statt selbstverständlicher Teilhabe
Nach Darstellung der Initiative bedeutet die derzeitige Praxis für Familien:
- umfangreiche Antragsverfahren
- medizinische und pädagogische Gutachten
- wiederkehrende Bedarfsermittlungen
- unklare Zuständigkeiten
- zeitliche Verzögerungen
- die ständige Sorge vor Ablehnung oder Kürzung
Während der Ganztag politisch als selbstverständlicher Lern- und Lebensort für alle Kinder beschrieben werde, müssten Eltern von Kindern mit Behinderung regelmäßig nachweisen, dass ihr Kind „mit darf“.
„Inklusion bedeutet nicht, dass Unterstützung gewährt wird, wenn sie beantragt und bewilligt ist. Inklusion bedeutet, dass die Struktur von vornherein so ausgestattet ist, dass Teilhabe selbstverständlich möglich ist“, so Benecke-Benbouabdellah.
Ganztag ist Gesamtlebensraum – keine juristische Trennlinie
Besonders kritisch sieht die Initiative die rechtliche Trennung zwischen Unterricht am Vormittag und sogenannter „sozialer Teilhabe“ am Nachmittag. In der Lebensrealität der Kinder sei diese Unterscheidung künstlich.
Ein Kind im Autismus-Spektrum benötige Unterstützung nicht nur im Fachunterricht, sondern ebenso beim Mittagessen, bei Raumwechseln oder in offenen Gruppenstrukturen. Ein Kind mit körperlicher Behinderung brauche Assistenz nicht nur im Klassenraum, sondern auch am Nachmittag.
„Der Ganztag ist ein einheitlicher Lebensraum. Unterstützung endet nicht um 13 Uhr. Wer das strukturell trennt, trennt auch Teilhabe“, betont Benecke-Benbouabdellah.
Gefahr eines Zwei-Klassen-Zugangs
Neben der Bürokratie weist die Initiative auf die mögliche finanzielle Mehrbelastung von Familien hin, wenn Assistenzleistungen im Ganztag als Leistungen der Eingliederungshilfe eingeordnet werden.
Viele Eltern reduzierten bereits ihre Erwerbstätigkeit, um Pflege- und Unterstützungsaufgaben zu übernehmen. Gleichzeitig entstünden hohe zusätzliche Kosten für Therapien, Hilfsmittel oder Fahrdienste.
„Wenn Familien zusätzlich finanziell herangezogen werden, damit ihr Kind am Ganztag teilnehmen kann, dann werden sie faktisch doppelt belastet – durch eingeschränkte Erwerbschancen und durch zusätzliche Beiträge. Teilhabe darf nicht vom Einkommen oder von administrativer Durchsetzungskraft abhängen“, erklärt Benecke-Benbouabdellah.
Strukturelle Lösungen statt Einzelfallprüfung
Die Initiative Inklusion Schleswig-Holstein fordert daher:
- eine strukturelle Verankerung qualifizierter Assistenz im Ganztag ohne gesonderte Antragspflicht,
- den Ausschluss zusätzlicher finanzieller Belastungen für Familien mit behinderten Kindern,
- transparente und entlastende Verfahren, solange das Antragssystem besteht, eine realitätsnahe Bestandsaufnahme der tatsächlichen Teilhabesituation, die systematische Einbindung von Elternvertretungen in die Weiterentwicklung des Ganztags.
- Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichte zu gleichberechtigter Teilhabe am gesamten schulischen Leben. Gleichberechtigt bedeutet ohne zusätzliche bürokratische oder finanzielle Hürden.
„Der Rechtsanspruch auf Ganztag wird erst dann wirklich inklusiv sein, wenn Kinder mit Behinderung nicht mehr durch ein separates Verfahren gehen müssen, um dort sein zu dürfen, wo alle anderen Kinder selbstverständlich hingehen“, so Benecke-Benbouabdellah abschließend.
Über die Initiative Inklusion Schleswig-Holstein
Die Initiative ist ein landesweiter Zusammenschluss von Familien, in denen Kinder mit Behinderungen oder besonderem Förderbedarf leben. Sie setzt sich für strukturell verankerte Inklusion, gleichberechtigte Teilhabe und praxistaugliche Lösungen im Bildungs- und Sozialbereich ein.

